Mit Oliver S. Tyr und Niel Mitra

Faun im Interview: Über “Midgard”, Volksmusik, die alten Wikinger und Germanen

Faun im Interview: Über “Midgard”, Volksmusik, die alten Wikinger und Germanen

Mit Oliver S. Tyr und Niel Mitra

Faun im Interview: Über “Midgard”, Volksmusik, die alten Wikinger und Germanen

4. September 2016

Im Interview mit der Schlagerblume sprechen die Faun-Bandmitglieder Oliver “S. Tyr” Pade und Niel Mitra über ihr neues Album “Midgard”, die alten Mythen der Wikinger und Germanen, Volksmusik, Pagan-Folk und vieles mehr.

Faun haben sich in den letzten Jahren auch unter Schlagerfreunden einen exzellenten Ruf erspielt – nicht zuletzt durch ihre Auftritte beim ESC-Vorentscheid und bei Carmen Nebel. Die siebenköpfige Band um Frontmann Oliver “S. Tyr” Pade nimmt sich der Musik unterschiedlicher historischer Epochen an und hat mit “Pagan-Folk” sogar ein eigenes Musik-Genre begründet. Vor Kurzem erschien mit “Midgard” ihr neues Album (hier bei Amazon bestellen). Eine gute Gelegenheit, um Oliver Pade und den Sound-Spezialisten von Faun Niel Mitra zum Interview zu treffen.

Faun - Midgard.

Fauns neues Album “Midgard”. Bild: Ben Wolf / Universal Music

Schlagerblume: Euer neues Album “Midgard” ist vor Kurzem erschienen. Was bekommen wir darauf zu hören?

Oliver Pade: Wir sind eine Band, die gerne auf das Mittelalter zurückgreift, oder auf die Romantik, diesmal sind wir geschichtlich noch einen Schritt weiter nach hinten gegangen, in den Norden zu den Wikingern und den Kelten. Das Thema ist zum einen, die alten Zeiten Skandinaviens zu beschreiben, Schweden, Norwegen und die Wikinger, und zum anderen geht es um den Sommer. Gerade im Norden ist der Winter viel länger und härter, umso offener wird der Sommer empfangen. Dann gibt es ein tolles Mittsommerfest.

Bei den Wikingern war es noch viel extremer, dort hat man das Überleben gefeiert, wenn der Winter vorbei war, oder hat um die Ernte gebangt hat, wenn Stürme aufkamen. Wir haben versucht, uns in diese Mythen hineinzuversetzen und zum Beispiel vom alten Mythos des Sonnenpferds geschrieben, über Nächte in Birkenwäldern oder über Odin den Göttervater, und haben die Mythen mit unserer Musik illustriert.

Neues Album “Midgard” – der “mittlere Garten”

Was steckt hinter dem Namen “Midgard”?

Oliver Pade: Midgard ist der alte Begriff für die Welt der Menschen in der Mythologie der Germanen. Man muss sich das in Etwa vorstellen, wie einen Vierkanthof, Midgard ist der „mittlere Garten“, außen herum war Usgard, die äußere Welt. In Usgard waren die Riesen, Geister und Dämonen und nur in der inneren Welt waren die Menschen sicher, weil sie von den Göttern beschützt wurden.

Wie kam es dazu, dass ihr Euch jetzt den Germanen und Wikingern widmet?

Oliver Pade: Uns hat immer schon die Musik des Nordens fasziniert, vor allem die traditionelle schwedische und norwegische Musik lieben wir sehr. Da gibt es einen riesigen Fundus an tollen Melodien. Wir spielen selber auch viele Instrumente, wie Geige und Laute, die dort auch viel gespielt werden. Da war es naheliegend, dass wir noch tiefer einsteigen und auch die Hintergründe kennen lernen wollten. Also nicht nur die Melodien aufgreifen, sondern auch zu wissen, wo stammen die Melodien her und was sind die Mythen, die hinter den Volksliedern stehen. Wir sind da richtig eingetaucht und haben etwa zwei Jahre lang recherchiert.

FAUN - MIDGARD [ALBUM PLAYER]

FAUN – MIDGARD [ALBUM PLAYER]

Das Album ist also auch eine Lehrstunde in Musikgeschichte?

Oliver Pade: Das ist uns immer wichtig. Wir schreiben nicht nur Lieder, sondern erklären auch sehr viel dazu. Im Booklet berichten wir über die Hintergründe: Wo kommt’s her? Was ist die Kultur dahinter? Dazu kommen alte Illustrationen. Außerdem haben wir Gastmusiker aus dem Norden eingeladen. Das macht die Lieder lebendiger und wir wollen ja Bilder mit einer starken Intensität übermitteln.

Apropos Gastmusiker. Ihr habt mit der norwegischen Band Wardruna gemeinsam den Song “Odin” aufgenommen, der beim ersten Hören vielleicht etwas merkwürdig klingt. Könnt Ihr etwas über diesen Song erzählen?

Niel Mitra: Für uns war es eine absolute Traum-Zusammenarbeit. Wir kennen Wardruna schon seit einigen Jahren und sind uns schon auf einigen Festivals in Norwegen und den USA über den Weg gelaufen. Wir fanden uns immer sympathisch und bewundern auch die Alben, die sie machen und ihre Arbeit als Mit-Komponisten bei der Serie “Vikings”. Bei “Odin” ist eine Besonderheit, dass wir in die Harmonik des norwegischen Folk hineingehen. Das, was manchmal ein bisschen schräg klingt, das sind Vierteltöne, die aber wirklich in der alten traditionellen Musik Norwegens so gespielt werden.

Worum geht es in dem Song?

Oliver Pade: Die Geschichte hinter “Odin” ist ein Ausschnitt aus der “Edda”, dem Buch in dem die alten nordischen Sagen versammelt sind. Der Ausschnitt heißt “Das Hávamál” und beschreibt, wie sich Odin neun Tage kopfüber an die Weltenesche “Yggdrasil” hängt und sich mit seinem eigenen Speer verwundet, um das Wissen der Runen zu erlangen. Es ist ein sehr religiöser Text. Wir haben aus der Außenperspektive über diese Geschichte geschrieben und Wardruna, als Experten aus Norwegen, haben in der alten Originalsprache der “Edda” das Ganze aus der Innenperspektive gesungen.

Normalerweise werden die Geschichten in der “Edda” aus der dritten Person beschrieben, aber in diesem Text wendet sich Odin direkt an den Leser und erklärt wie er hängt, wie er die Runen empfängt und welche Eigenschaften man braucht für den richtigen Umgang mit Runen. Wir sind in dem Stück sehr auf die Hintergründe eingegangen, aber ich finde dadurch, dass die Stimme in der Originalsprache singt, ist es wie eine Art Soundtrack geworden.

Faun - Oliver Pade.

Faun-Frontmann Oliver Pade. Bild: Michael Wilfling / Universal Music

Habt Ihr sonst noch Lieblingsstücke auf dem Album?

Oliver Pade: Da gibt es einige, zum Beispiel die “Rabenballade” ist sehr schön geworden. Das ist ein altes schottisch-keltisches Lied, das davon handelt, dass ein Held im Moor erschlagen wird, dort stirbt und von den Raben aufgefressen wird – dann ist das originale Lied zu Ende. Aber wir haben gedacht, das ist eine wunderschöne Melodie und dass es nach über 500 Jahren immer noch als Anti-Kriegslied aktuell ist, so dass wir noch einen eigenen Text angehangen haben, in dem wir über die Absurdität des Krieges singen. Dass man für einen König in den Krieg zieht, den man noch nie gesehen hat. Nur weil ein Fürst wegen irgendwas sauer geworden ist, liegt das einfache Volk im Moor und stirbt.

Wir werden also auch durchaus politisch. Dann gibt es aber auch Lieder, die über den Sommer berichten, wie in “Alba”, wo es heißt, dass die Morgendämmerung kommt und man den Winter gehen lassen kann. Oder “Sonnenreigen”, das eine Art Vorerntefest der Kelten beschreibt, in dem man dem Sommer dankt und hofft, dass die Ernte gut wird. Es geht viel um die Sonne, aber auch darum, wie der Mensch der Natur gegenübersteht und zum Teil ausgeliefert ist.

Fauns Musik-Genre: Pagan-Folk

Ihr habt ja eine spezielle Bezeichnung für Eure Musik: Pagan-Folk. Kannst Du den Begriff näher erläutern?

Oliver Pade: Das Problem war bei uns immer, dass wir so unterschiedliche Sachen machen, wir spielen mittelterliche Instrumente, wir schreiben eigene Texte, wir vertonen romantische Balladen von Eichendorff, jetzt gehen wir zu den Wikingern. Es war schwer, für uns eine Schublade zu finden. Wenn jemand sagt, wir sind eine Mittelalter-Band, dann trifft das auch nicht richtig zu. Deswegen haben wir angefangen, uns über den Inhalt zu definieren und Pagan steht für eine Naturreligion. Uns ist die Natur schon immer wichtig gewesen und sie ist auch das Zentrum unserer Musik. Es geht also viel um Naturverehrung, um Mythen, die alten Religionen und Kulturen, die die Natur immer in den Mittelpunkt gestellt haben.

Gerade bei den Kelten und den Wikingern ist eine gewisse Art von Animismus dabei, das heißt, man sagt, alles ist lebendig, der Baum lebt, der Stein lebt, genauso wie der Fluss und es gibt verschiedene Götter, die sie bewachen. Das ist ein Weltbild, das wir einerseits sehr illustrativ finden, also sehr schön, um daraus Lieder und Geschichten zu spinnen, andererseits glauben wir, dass so ein Weltbild für die heutige Welt durchaus gut und erstrebenswert ist, weil die Leute viel größeren Respekt vor ihrer Umwelt hatten. Wir haben das Genre quasi vor etwa zwölf Jahren erfunden und es gibt immer mehr Bands, die sagen: Ja, wir machen Pagan-Folk. Das macht uns natürlich sehr stolz, dass wir damit irgendwie einen Zahn der Zeit getroffen haben.

Fauns Elektro-Spezialist Niel Mitra.

Fauns Elektro-Spezialist Niel Mitra. Bild: Michael Wilfling / Universal Music

Ihr seid schon beim ESC-Vorentscheid und bei “Willkommen bei Carmen Nebel” aufgetreten und scheint keine Berührungsängste mit dem Schlager zu haben. Stimmt das?

Oliver Pade: Wichtig ist immer, dass es stimmt, was wir machen. Das Drumherum, wenn andere Bands zum Beispiel in so einer Fernsehshow etwas ganz anderes spielen, ist für uns nicht schlimm, wenn wir selber zu dem stehen, was wir machen. Und wir machen zum größten Teil deutschsprachige Musik, lieben auch eine gewisse Romantik, haben auch sehr gerne die romantische Literatur des 18. Jahrhunderts vertont, und singen gerne mit Frauen, auch zweistimmig, die mit einer schönen Stimme vortragen können. Wenn man jetzt romantische deutsche Musik mit weiblichem Gesang macht, zum Beispiel zur Harfe, dann gibt es eigentlich kein Genre, wo das reinpasst. Dann ist das kein Pop, kein Indie und nur begrenzt Mittelalter, es ist auch kein Schlager, aber wenn man nirgendwo rein passt, dann sind wir froh, wenn wir überhaupt gespielt werden. Daher, wenn die Leute Spaß daran haben und ihnen die Musik gefällt, dann sind wir wirklich froh darüber.

Gibt es aus Eurer Sicht Gemeinsamkeiten zwischen Pagan-Folk und Schlager?

Oliver Pade: Wir haben eine wunderschöne Volkskultur. Deutschland hat so ein reiches Kulturgut an Literatur, an alten Volksliedern und ich glaube, dass die Leute Interesse daran haben. Das ist glaube ich auch so ein bisschen unsere Aufgabe, das ein bisschen modern zu machen und Leute da heran zu führen. Das hat durchaus eine Coolness und was Kompatibeles für junge Leute, wenn sie zum Beispiel auf einer Burg am Feuer sitzen oder in die Natur gehen. Das ist ein Ansatz, der genreübergreifend ist.

Du hattest auch gerade die Romantik angesprochen, in der man die ganzen alten Mythen des Mittelalters wieder hervorgeholt und der Volksdichtung wieder zu neuem Schwung verholfen hat. Kann man sagen, dass ihr auch so eine Art Volksmusik macht?

Oliver Pade: Auf jeden Fall, Volksmusik ist naheliegend bei uns. Ja, wir gehen sehr auf deutsche Volkslieder ein, wir gehen aber auch weit darüber hinaus. Jetzt sind wir nochmal zwei Schritte zurück gegangen in die germanische Kultur, also da, wo die deutschen Volkslieder und deren Motive ihren Ursprung haben. Vor Jahren haben wir das alte “Sigurdlied” gesungen, das von den Nibelungen handelt und wie der Drachen getötet wurde, aber der Ursprung liegt in Island. Die germanische und die skandinavische Kultur sind da sehr miteinander verbunden.

Faun.

Faun stellen die Natur in den Mittelpunkt ihrer Musik. Bild: Ben Wolf / Universal Music

Du meintest, Pagan entspricht auch Eurem Weltbild. Kann man es als eine Religion oder eher als eine Lebenseinstellung definieren?

Oliver Pade: Lebenseinstellung trifft es besser. Ich würde sagen, es ist eine Philosophie . In manchen Religionen gibt es so politische Strukturen und ich finde, das ist eigentlich verkehrt. Es ist eher eine Philosophie, die wir versuchen, in die Welt hinaus zu tragen, eine Achtung vor der Natur und ein Interesse, das wir erwecken möchten. Zum Beispiel haben wir für die Videos und Fotos zu “Midgard” an den Externsteinen gedreht, einem Naturdenkmal in der Nähe von Bielefeld.

Es ist uns wichtig, dass so wunderschöne Naturorte noch bekannter werden und dass die Leute dann vielleicht auch einen Ausflug dahin machen. Es sind wunderschöne Wälder und darin diese vier riesigen Steintürme, die schon von den alten Germanen verehrt wurden. Es ist schön, wenn die Leute wieder mehr in die Natur gehen, solche Orte entdecken, und ich glaube – das ist jetzt vielleicht etwas spirituell – diese Plätze haben durchaus etwas besonderes. Man kann natürlich fragen: Warum haben sie etwas besonderes? Vielleicht haben unsere Vorfahren Sachen gewusst, die wir heute gar nicht mehr wissen. Von dort aus kann man eine eigene Sinnsuche beginnen.

Bald auf Akustik- und “Midgard”-Tour

Welche Musik hört Ihr privat gerne?

Oliver Pade: Wir sind ganz breit aufgestellt, also ich persönlich höre sehr viel Folk, liebe auch skandinavische Musik, höre aber auch moderne Musik, Singer/Songwriter mag ich sehr gerne, auch englische Folk-Musik. Dann ist da zum Beispiel Niel, der für uns die Elektronik macht, die Beats und die Synthesizer, der experimentelle elektronische Musik mag. Das ist eine unserer Stärken, dass wir alle so viele unterschiedliche Einflüsse mitbringen, kombinieren, zu unserem eigenen Klang werden lassen und so ganz eigene Bilder hervorrufen. Dass wir also nicht nur die Laute spielen, sondern auch dass Niel, wenn es zum Beispiel um das Meer geht, mit elektronischen Klängen Meeresgeräusche dazu macht oder Synthesizer, die eine gewisse Bedrohung versinnbildlichen, denn so kann man die Geschichte besser erzählen.

FAUN - Federkleid (Offizielles Video)

FAUN – Federkleid (Offizielles Video)

Was sind das so für elektronische Einflüsse in Eurer Musik?

Niel Mitra: Musikalisch gesehen komme ich aus der undergroundigen experimentellen Elektronik der neunziger Jahre und habe sehr viel Aphex Twins oder Boards of Canada gehört. Als ich zu Faun gekommen bin, war das meiste in der elektronischen Musik schon vorbei, schon gesagt und erzählt, irgendwie kam da nichts mehr. Bei Faun konnte ich aber vieles einsetzen, was ich über die Jahre gelernt habe, zum Beispiel wie man mit dem Gesang organisch arbeitet, also wie man mit dem Sound einer Basedrum nicht den ganzen Song zu einem Techno-Song macht, sondern sie klanglich so einfügt, dass es den Song zwar voran treibt, aber trotzdem noch natürlich, organisch klingt.

Bei “Brandan” auf dem neuen Album war mir wichtig, dass dieses Seefahrerlied einen Wellenrythmus und eine Aufbruchstimmung hat, in dem Soundgebilde gibt es daher eine Synthiemelodie, die sich anhört, als wäre es ein ferner Ruf von einem Schiffshorn. Mit solchen Elementen arbeite ich. Ich versuche immer sehr subtil zu sein. Faun ist so eine Geschichte, die ist so filigran, die darf man nicht erschlagen.

Was gibt es für Pläne für die Zukunft?

Niel Mitra: Wir haben noch einige Sommerfestivals und Mittelaltermärkte auf dem Programm. Im November steht dann eine Akustik-Tour an, also die hangemachte Seite von Faun, die in so schönen Locations wie alten Kirchen ein ganz besonderes Erlebnis ist.

Oliver Pade: Genau, in der Akustik-Tour wird es um den Winter und Balladen zum Zuhören gehen. Und die große Tour zum Album “Midgard” wird im März 2017 starten, dann werden wir durch etwa 20 deutsche Städte fahren und versuchen, die Lieder der CD möglichst gut in einer Bühnenshow umzusetzen.

Lieber Oliver, lieber Niel, wir danken Euch für das Gespräch!

Infos und Tickets zu der Akustik- und der “Midgard”-Tournee bekommt Ihr hier auf Eventim.

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pk